23.08.2017 -
Artikel aus der FAZ vom 21.08.2017

MONTAG, 21. AUGUST 2017

Siemens Gamesa greift stärker durch

Der Weltmarktführer für Windkraftanlagen baut in Dänemark allein in einem Werk 30 Prozent der Stellen ab – und es geht weiter

kön. MÜNCHEN, 20. August. Die Schwierigkeiten im Geschäft mit Windkraft scheinen für den Weltmarktführer Siemens Gamesa gravierender zu sein, als zunächst angenommen. Nun hat das mehrheitlich zum Siemens-Konzern gehörende deutsch-spanische Unternehmen wissen lassen, dass in Dänemark 600 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen. Betroffen ist das Werk in Aalborg, wo 2100 Mitarbeiter tätig sind – von 27000 Angestellten insgesamt. Dort würden somit rund 30 Prozent der Arbeitsplätze verloren gehen. Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik: Der Standort ist mit dem Erwerb der dänischen Bonus 2004 zur Keimzelle für die Siemens-Windkraftaktivitäten geworden.

Details zum Stellenabbau waren nicht zu erfahren; Siemens Gamesa stand am Wochenende nicht zur Verfügung. Es dürfte sich jedoch um eine von mehreren Maßnahmen handeln, um Kosten zu senken und so der gegenwärtigen Nachfrageflaute und dem harten Wettbewerb für Land- und Meeresanlagen (Offshore sowie Onshore) mit dem einhergehenden Preisdruck zu begegnen. In Aalborg werden Offshore-Anlagen gefertigt, die besonders hart von Auftragseinbrüchen betroffen sind. Das Gemeinschaftsunternehmen, das am 1. April aus dem Zusammenschluss der Windkraftaktivitäten von Siemens (Schwerpunkt Onshore-Anlagen) und Gamesa (Offshore) entstanden ist, steht mit den Problemen nicht allein da.

Der dänische Konkurrent Vestas, vor der Fusion Marktführer, meldete für das zweite Quartal als Folge rückläufiger Auslieferungen und schlechterer Margen deutlich gesunkene Umsatz- und Ergebniszahlen, aber immerhin kräftig gestiegene Auftragseingänge. Der deutsche Wettbewerber Nordex hat wegen der lauen Geschäftslage ebenfalls Kostenmaßnahmen mit einem Stellenabbau angekündigt und sieht düstere Geschäftsaussichten für dieses und nächstes Jahr. Siemens Gamesa überraschte Investoren, Analysten und offensichtlich auch den Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser sowie den zuständigen Konzernvorstand Michael Sen Ende Juli mit vernichtenden Quartalszahlen zu Umsatz und Ergebnis, insbesondere zu Auftragseingängen. Dadurch hat sich der Aktienkurs seit Anfang April nahezu halbiert.

Die Bestellungen von Onshore-Anlagen sackten um 58 Prozent, die für Offshore sogar um 88 Prozent ab. Um gegenzusteuern, kündigte Siemens Gamesa Ende Juli an, die aus der Fusion angestrebten Verbundvorteile (Synergien) schneller zu heben, statt in vier nun in drei Jahren. Als Minimum ist ein Volumen von 230 Millionen Euro angestrebt, was angeblich in erster Linie durch Einsparungen im Einkauf erlangt werden sollte. Von Stellenabbau war keine Rede.

Beobachter vermuten, dass in einer Art Salamitaktik weitere Maßnahmen nachgeschoben werden. Denn an den ungünstigen Rahmenbedingungen mit einem strukturellen Wandel wird sich vorerst wenig ändern. Das hatte Siemens immer als Grund für die Notwendigkeit der Fusion mit dem sich ideal ergänzenden Partner Gamesa zu einer starken Nummer eins angegeben.

Staatliche Förderungen für Windkraft verlieren in immer mehr Ländern an Bedeutung, die Branche unterliegt nun weitgehend den Marktkräften. Nach wie vor gibt es zahlreiche Anbieter, die um Aufträge buhlen. Veränderte Ausschreibungen verschärfen die Lage, indem wettbewerbsintensivere, für Auftraggeber aber günstigere Auktionen abgehalten werden. Dazu gehört auch Deutschland. Wer die geringsten Subventionen erhält, bekommt den Auftrag. Das drückt die Preise.

In Indien ist der Markt zum Erliegen gekommen, nachdem im Frühjahr das Auktionssystem als Vergabemechanismus für Aufträge umgestellt worden ist. Hinzu kommen konjunkturelle Schwierigkeiten. Die erhofften Wachstumsmärkte Brasilien und Südafrika entwickeln sich schwächer als erwartet. In den Vereinigten Staaten sind die Aussichten wegen des forcierten Einsatzes von Kohle als Energieträger sowie der Abkehr von umweltschonenden Energieträgern durch die Trump-Administration eingetrübt. China ist ausländischen Herstellern weitgehend verschlossen, während andererseits aber chinesische Anbieter auf die Weltmärkte vordringen.

Ein ähnliches Schicksal wie den Kollegen in Aalborg könnte unter Umständen bis zu 600 Beschäftigten im Windkraftanlagenwerk in Bremerhaven drohen, das vor dem Aus steht (F.A.Z. vom 16. Juni). Es hat zu Gamesa gehört und wurde im Zuge der Fusion übernommen. Eine Zukunft gibt es nicht mehr, weil Siemens im benachbarten Cuxhaven ein neues Werk errichtet hat und gerade die Produktion von Maschinenhäusern (Gondeln) für Offshore-Windanlagen dort hochfährt. Beharrlich wird über den Fortbestand von Bremerhaven geschwiegen. Doch sollen die Verhandlungen mit den Betriebsräten bereits auf Hochtouren laufen.